Cover "Das zweite Leben des Herrn Roos" © btb VerlagEs ist schon ein typischer Nesser, der Kriminalroman “Das zweite Leben des Herrn Roos”. Und es ist der dritte Fall des recht kauzigen Kommissars Gunnar Barbarotti.

Ante Valdemar Roos, 59 Jahre alt, lebt ein unauffälliges, unspektakuläres Leben. Im Hinterkopf spukt immer wieder die unausgegorene Idee, es müsse sich etwas ändern, aber den Absprung hat er bisher nicht geschafft. Da kommt Ihm das Schicksal, in Form eines großen Toto-Gewinnes entgegen und plötzlich eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Herr Roos aber bleibt relativ bescheiden, mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Ohne seine Familie zu informieren, teilt er den Gewinn auf, sorgt dafür dass monatlich eine Summe, die seinem bisherigen Gehalt entspricht, auf das gemeinsame Konto überwiesen wird. Dann kündigt Roos seinen Arbeitsvertrag. Und er erfüllt sich den Wunsch nach einem Ort, den er ganz für sich allein hat, an dem er einfach “sein” kann. Er kauft eine kleine Hütte, Lograna, einsam gelegen und ca. 40 Kilometer von seiner Heimatstadt Kymlinge entfernt. Und nun bricht er jeden Morgen auf, als würde er zur Arbeit fahren, nimmt aber die Strecke nach Lograna und verbringt dort zufrieden seine Tage…

Anna Gambowska, Tochter polnischer Einwanderer hält sich in freiwillig einem Heim für junge Drogenabhängige auf. Nach einer, relativ harmlosen und kurzen, Karriere als Konsumentin von Haschisch und Alkohol, möchte sie wieder zurück in ein “normales” Leben finden. Nach kurzer Zeit findet die sehr sanfte, mitfühlende Anna heraus, dass hinter der sozialen Fassade dieses Heimes letztendlich doch nicht alles so rosig und positiv zugeht. Also beschließt sie abzuhauen, nimmt ihre Gitarre, einige Bücher, Kleidung, 120 Kronen und macht sich frühmorgens auf den Weg. Ein festes Ziel hat sie nicht, vielleicht Göteborg, fürchtet aber, dort wieder Probleme zu bekommen. Quasi eine Flucht ins Leere…

Eines Montag Morgens kommt Valdemar zu seiner Hütte und erkennt schnell, dass dort jemand das Wochenende verbracht haben muss…

Nesser verwendet eine unglaubliche Sorgfalt darauf, den Leser ganz nahe an die Figuren seiner Romane zu bringen. Wir lernen Valdemar und Anna genau kennen, erst nach ca. einem Drittel des Buches wendet sich die Geschichte zu einem Krimi. Es ist erstaunlich, wie es Håkan Nesser versteht, beim Leser ein allmählich wachsendes Unwohlsein zu erzeugen, und letztendlich die Geschichte kippen zu lassen. Erträglich wird es nur dadurch, dass Nesser stets deutliche Gegenpole setzt, vor allem in den Figuren des Kommissars Barbarotti, seiner Kollegin Eva Backmann, sowie einiger skuriller Randfiguren.

Dieses Buch hat mich in seiner Art sehr an das grandiose, 2005 verfilmte Buch  “Kim Novak badete nie im See von Genezareth” erinnert. Und ganz wichtig, die Übersetzungsleistung von Christel Hildebrandt ist, wie immer, sehr gelungen !

Håkan Nesser
Das zweite Leben des Herrn Roos
btb Verlag (17. August 2009)
ISBN-10: 3442751721
ISBN-13: 978-3442751723