Hauptmenü:

Tümpeln? Tümpeln!

 

Was macht der/die engagierte Aquarianer/in wenn es den lieben Fischen noch ein wenig besser gehen soll? Man macht sich Gedanken über die richtige Ernährung der beflossten Zellengenossen. Wenn die Dosen mit Flocken-, Granulat-, Tablettenfutter die Regale verstopfen, die unterschiedlichsten Booster, Zusätze, Wundermittelchen getestet wurden, 37 Frostfuttersorten der unterschiedlichsten Hersteller zu Fuss aus Südostasien ins eigene Heim getragen wurden, wird es Zeit für eine Steigerung.Und diese kann spektakuläre Formen annehmen, es gilt schließlich, eine wirklich und wahrhaftige Expedition zu starten. Da gab es doch einige Beiträge in jenem Forum in welchem sich nur Aquarianer mit jeweils mindestens 287 Jahren aquaristischer Erfahrung und minimal 25.000 Liter eingeglastem Wasser (Wasser? Ach was schreib ich denn da, sorgsam aufbereiteten, den jeweiligen Ansprüchen der Fische exaktestens angepassten Fluiden) schreiben dürfen. Und da der ehrgeizige Fishkeeper ebenfalls anstrebt in diesem illustren Kreis aufzusteigen gibt es keine Wahl!

Lebendfutter nennt sich die neue Herausforderung, und diese will stilsicher über die Bühne gebracht werden.

Ungeachtet der Tatsache, das keinerlei Kenntnis über die Gewässer der Umgebung vorhanden ist, von einer auch nur annähernde Kenntnis der Rechtslage zum Fischen in trüben Gewässern keine Rede sein kann, wird die Ausrüstung geplant. Und hier gilt wie so oft, Nur das Beste ist gut genug! In Folge dieser, in unserem aufstrebenden Aquarianer quasi genetisch verankerten, Feststellung wird eingekauft. Das hier der ersten große Fauxpas schon begangen ist wird ihm später schmerzhaft bewusst werden. Der wahre Aqaurianer baut sich sein Equipment selbst, wenn es sein muss auch mit Bindfaden, Büroklammer und einem alten Kaugummi, McGuiver lässt grüßen.

Das aber wird unseren Freund erst bei dem nächsten Treffen mit Gleichgesinnten eiskalt erwischen. Im Moment wiegt er sich in Sicherheit. Dem Aufstieg auf der Leiter aquaristischer Anerkennung einen vermeintlichen Schritt nähergekommen, taumelt unser Freund siegesgewiss von einem Geschäft zum nächsten. Die Inhaber aller Outdoor-Ausrüster, Angel- und Jagdsportgeschäfte im Umkreis von 100 Kilometern erkennen seinen Wagen am Geräusch und verkrümmeln sich in die Hinterräume ihrer Geschäfte. An diesem speziellen Kunden dürfen sich die Juniorverkäufer abarbeiten. Gekauft wird eh nichts, das besorgt sich der angehende Outdoor-Aquarianer später alles per Ebay oder in einem Online-Shop… ist doch soooo viel günstiger.

Schlußendlich ist alles gekauft, die Ausstattung komplett. Der zukünftige Kenner alle Teiche, Bäche, Pfützen und Seen steht vor einem gewaltigen Haufen Material, als da wären:

  • Kescher in allen Durchmessern, mit Netzen von superfein bis grob
  • Kescherstiele als wolle man Mikado-Weltmeister zu werden, steckbare Stäbe, Teleskopstiele, Stiele aus Glas- und Kohlefaser, Holz und Aluminium
  • Gummistiefel, Wathosen, Neoprenanzug und zünftiger Cordhut düfen nicht fehlen
  • Verschließbare Eimer von 2,5 bis 15 Liter
  • und nicht zuletzt, auf ein bischen Komfort will man ja keinesfalls verzichten, Taschenheizung, Picknikkorb und Faltstuhl

Die Zeit der Scherze ist vorbei, nun gilt es sich vor der Welt und den Kollegen aus dem Verein zu beweisen.Mittlerweile wurde auch ein veritabler Teich ausgemacht, dieser soll nun das Ziel der ersten Expedition in die unbekannte Wildnis sein. Schon nach kurzer Zeit zeigt sich die erste zu nehmende Hürde: Da zeigt man seine Naturverbundenheit schon, indem man sich mit einem hochbeinigen Geländewagen der 70.000 Euro-Klasse durch die Straßen der Heimatstadt bewegt und nun soll es nicht möglich mit diesem bis an das Ufer des Teiches zu fahren? Nun denn, da der erste Schritt getan ist, heisst es hier nicht zu verzweifeln. Also wird die Ausrüstung geschultert, die letzten 500 Meter schaffen wir auch so.

Wie gut dass keine, anfangs noch schmerzlich vermissten, Zuschauer zugegen waren. Schweißgebadet wird der Teich erreicht. Nachdem sich die Atmung wieder normalisiert hat geht es los. Der größte Kescher wird an die längste, auf 5,80m ausziehbare, Stange geschraubt. Selbstverständlich ist die Maschenweite kleinstmöglich gewählt, aber die sind ja auch so klein, die Futtertiere. Mutig stiefelt der “Herr der Teiche” an das Ufer, vergewissert sich noch einmal das der 15ltr. Eimer bereit steht und haut dann das Netz ins Wasser. Mit lässiger Anspannung der Oberarmmuskulatur beginnt der Aquarianer zu ziehen… und staunt nicht schlecht. Irgendwie klang das alles so einfach, hier scheint es aber in richtige Arbeit auszuarten.

Und er zieht, reißt, schiebt. Der Kescherstiel biegt sich beängstigend und langsam keimt der Gedanke, es würde sich hier doch um einen versehentlich ins Netz gegangenen Hecht handeln. Die Erzählungen von ganzen Händen voller Hüpferlinge, Wasserflöhe und Mückenlarven lassen unseren Freund froher Hoffnung sein. Und er versucht die Beute schwungvoll aus dem Wasser zu heben. Der Stiel, weiterhin auf voller Länge geführt biegt sich noch stärker, langsam hebt sich der Kescher aus den Fluten. Dunkel zeichnet sich eine undefinierbare Masse gegen das Netz ab.

Innerlich jubilierend wird der Ausflug schon jetzt als voller Erfolg verbucht. Hand über Hand wird der Kescher herein geholt, die Spannung steigt, die Fische werden es ihm danken. Endlich sind die fast sechs Meter eingeholt, mit einem breiten Grinsen folgt der beifallheischende Blick dem Rund des Teiches. Aber außer einer fetten Kröte erlebt leider niemand diesen Moment des absoluten Triumpfes, seines Sieges über die Naturgewalten.

Dann endlich, der erste Blick in den Kescher, ein Gewimmel und Gewusel erwartend. Ihm stockt der Atem, was zum ****** ist denn das? Einer der Todfeinde aus seinen Aquarien starrt agressiv zurück, Algen! Algen? Algen, Falllaub, undefinierbarer Dreck und besagte Kröte, welche unfreiwillig an diesem ersten Kescherzug teilhaben durfte. Angewidert wirft der, nun gar nicht mehr so heldenhafte Tümpel-Novize den Kescher ins Grün. Erstmal eine Zigarette zur Beruhigung und ein Bier gegen den Frust.

Aber so schnell darf nicht aufgegeben werden, verflucht sei sein loses Mundwerk mit dem er den Vereinskameraden ankündigte, die Tümpelei auf ein neues, professionelles Niveau zu heben. Staunen sollten sie ob der nie gesehenen Lebendfuttermengen. Zu dumm, in alkoholischer Glückseeligkeit hat er den Vereinsfreunden Schmidt und Maier zugesagt, ihnen einen gehörigen Anteil am Fang zukommen zu lassen. Also muss es weitergehen und so schraubt er, das zumindest war ihm eine Lehre, einen etwas kleineren Kescher auf einen etwas kürzeren Stab, holt tief Luft und begibt sich wieder die Böschung hinunter.

PLATSCH! Sitzt er auf seinem Hintern, sich wundernd was das nun wieder war. Irgendwas hat ihm die Beine unter dem Laib weggeschlagen, außerdem stinkt es erbärmlich. Sich aufrappelnd fällt sein Blick auf braune Schmiere, einem Hundehaufen nicht unähnlich. Aber warum muss das hier so fürchterlich riechen. Unser Freund, vollkommen unbeleckt von Wissen über Flora und Fauna der heimischen Wälder hat sich eine Wildtränke zum ersten Tümpelgang ausgewählt. Und eine Wildsau hatte sich in der vergangenen Nacht, in Missachtung der anstehenden Ereignisse genau dieses Fleckchen Böschung zur Erledigung verdauungsgetriebener Bedürfnisse ausgesucht.

Weitere drei Stunden ziehen ins Land, die gesamte Ausrüstung kommt zum Einsatz, Flüche schallen durchs Unterholz, Füße werden nass, Blasen bilden sich an zarten, aufgeweichten Schreibtischtäterhänden, platzen auf und brennen. Es will nicht klappen! Einige wenige weiße Mückenlarven taumeln im Wasser des Eimers umher, umringt von mindestens genau so vielen Wasserkäfern, gefährlich aussehenden Libellenlarven und Stabwanzen, deren Ähnlichkeit mit Aliens zu groß ist als das man sie legitimen Bewohnern eines norddeutschen Teiches gleichsetzen könnte.

Frustration ist die Empfindung der Stunde, die Konkurrenten aus dem Verein werden sich ins Fäustchen lachen. Er hört schon ihre Stimmen, wie sie hinter seinem Rücken schenkelklopfend beim Bier sitzen und sich auf seine Kosten amüsieren. Fieberhaft denkt er über einen Ausweg aus diesem Dilemma nach. Und tatsächlich gibt es einen Hoffnungsschimmer.

Auf dem Heimweg macht der, nun optimistisch gestimmte Fischfreund einen kleinen Zwischenstopp beim Zoofachgeschäft seines Vertrauens. Fünfzehn Minuten später ist sein Portemonnaie um 75 Euro leichter und im Eimer schwimmen hunderte weiße Mückenlarven mit ebensovielen Wasserflöhen um die Wette. Dieser Fischzug war erfolgreich.

Kommentare

Comment von Steffen
Zeit: 11. Juli 2007, 00:49

Hallo erstmal, ich bin durch Zufall auf deiner Seite gelandet, der Artikel über`s Tümpeln einfach genial. Meine Frage ist nun: Kann ich diesen Text für unsere kleine Vereinszeitung unseres Aquarienstammtisches zur Auflockerung verwenden?

Mit aquaristischen Grüßen
Steffen Gruhlke

Comment von Marc
Zeit: 11. Juli 2007, 19:33

Hi Steffen,

Du hast dazu eine Mail von mir bekommen.

Gruß
Marc